Mariazell 3.0 – der erste Tag am Mountainbike

Die ersten Sonnenstrahlen beginnen gerade auf die Baumwipfel zu strahlen. Das lange Gras wiegt im Wind. An unseren Nasen nagt noch ein bisschen die morgendliche Kälte während die Kühe langsam und kauend über die Wiese traben. Wir stehen – noch müde aber voller Vorfreude – mit unseren voll bepackten Mountainbikes direkt neben der Stoakoglhütte auf der Sommeralm und sind bereit ins Abenteuer Mariazell 3.0 zu starten. Ein langer Tag liegt vor uns…

Anja und Sandro auf dem Parkplatz von der Stoakoglhütte

Wir denken in Etappen und wissen, dass das erste Ziel Straßegg ist. Weit dürfte es nicht sein. Mit den Packtaschen, Schlafsack und schwerem Rucksack ist „weit“ aber etwas anders zu definieren. Vor allem Anstiege sind weiter als sonst. Erstmal geht es aber relativ flach mit nur kurzen moderaten Anstiegen dahin.

Anja auf ihrem BIke kurz nach der Stoakoglhütte

Was wir in unserer Zeitplanung von Mariazell 3.0 nicht bedacht haben: Weidetore. Immer wieder müssen wir öffnen und schließen. Wir bekommen aber Übung. Bis wir – vielleicht bei 7 oder 8 Kilometer – fast an unsere Grenze stoßen. Ein Weidezaun aus Holz mit Stacheldraht und ein enger eckiger Durchgang – wie man sie eben auf Almen als Wanderer häufig passiert – lässt uns kurz verstummen. Im Endeffekt bleibt uns nur eine Lösung: Die Räder samt Packtaschen drüber heben. Klingt einfach. Ging mit dem Bike von Anja auch noch ganz gut, da es nicht soo schwer beladen war. Als Sandro aber sein Mountainbike anhebt und Anja drüber reicht, bekommt es Übergewicht, kippt und fällt auf den Gepäckträger, wobei ein wichtiges Teil an der Packtaschenhalterung bricht und sich auch nach einer viertel Stunde suchen nicht wiederfinden lässt.

Sandro seitlich sitzend auf seinem Bike neben einem Wegweiser

Mariazell 3.0 bereits vorbei?

Nein, denn wir bleiben ruhig und suchen nach einer Lösung. Wir haben ein Ziel. Ein Kunststoffteil kann uns nicht von unserem Weg abbrechen. Zum Glück haben wir Gurte zum Festschnallen der Schlafsäcke am Gepäckträger dabei. Damit lässt sich auch die Packtasche gut befestigen (auch wenn sie noch einige Male locker geworden ist und uns in unserem Bergab-Flow unterbrochen hat ;))

Anja und Sandro auf einer gemütlichen Bank

Straßegg, Schanz und Mitterdorf

Trotz allem gut gelaunt, kommen wir schon bald am Straßegg an. Dort geht es weiter bis auf die Schanz. Ab hier sind wir auf eine zähe Schiebepassage eingestellt, die sich aber als halb so lang als in unseren Erinnerungen gestaltet. Immer leicht ansteigend geht es an den Windrädern vorbei, bis zum Beginn der Bergabpassage am Wanderweg – teils fahrbar, teils zum Schieben – und anschließend auf der Forststraße ratzfatz talwärts nach Mitterdorf. Das Mittagessen wartet. Wir liegen gut in der Zeit.

Sandro auf der Forststraße neben der Stanglalm

Anja schiebt ihr Bike mit den vollen Packtaschen

Anja bei ihrem wohlverdienten Mittagessen in MItterdorf

Fahrt ins Unbekannte

Ab Mitterdorf kennen wir Strecke und Gegebenheiten nicht. Damit wir den Backhendlsalat und das Cordon Bleu (richtiges Bikeressen halt ;)) schnell verdauen, stellt sich gleich mal ein 15 % Anstieg vor uns auf. Zwar Asphalt, in gerader Linie zu fahren ist trotzdem fast unmöglich. Deshalb nützen wir die gesamte Straßenbreite aus. Ein älteres Ehepaar sitzt hinter einer Gartenhütte im Schatten. Er meint: „Bua lous“ was so viel heißt wie „Bist du deppat“, als er uns schnaufend und schwitzend entdeckt. Laut dem Höhenprofil unserer gpx-Datei wissen wir (oder besser gesagt: denken wir), dass dies der letzte richtig lange Anstieg wird. Einmal verfahren wir uns kurz. Das gpx zeigt uns einen Weg an, wo gar keiner ist. Komisch.

Anja auf einer Asphaltpassage kurz nach Mitterdorf

Später landen wir direkt vor der Hundskopfhütte. Das gpx kann ja nicht wissen, wie beladen wir sind und dass uns das Rauftragen auf einem schmalem Wanderweg mit Stufen ziemlich schwer fallen würde. Einige Herren sitzen vor der Hütte – rauchend und trinkend. Auskunft können sie uns keine geben. Nur der Wirt selbst ruft uns zu: „Foats halt umadum!“ Gesagt – getan. Den richtigen Weg haben wir gleich gefunden und bald landen wir wieder auf dem markierten Weg. Dort heißt es über eine frisch gemähte Almwiese schieben. Schön!

Anfängerfehler bei Kilometer 60

Mariazell 3.0 inkludiert auch: Biwakieren! Wir haben geplant, dass wir bei Kilometer 6o unser Nachtlager aufschlagen. Es wäre auch ideal für das Müdigkeitslevel und Kraftlevel – vor allem von Anja – gewesen. Der Haken: Es ist der tiefste Punkt am Höhenprofil. Danach folgt nochmal ein langer Anstieg. Hätten wir logisch gedacht und wären wir keine blutigen Anfänger, hätten wir gewusst, dass dieser Punkt in einem Graben oder Wald liegt – und nicht auf einer schönen Anhöhe. Hätten wir, wären wir, könnten wir…

Anja und Sandro mit den Bikes in Richtung Veitsch

Es war so, dass Kilometer 60 tatsächlich in einem Graben – umrahmt von Abhängen mit tiefem Wald – liegt. Noch dazu fließt ein Bach gleich neben dem Weg. Vegetation auch nicht gerade einladend. Also fahren wir den Graben entlang, zuerst noch relativ flach. Dann beginnt der Anstieg, den wir vom Höhenprofil im Kopf haben. Motivation ist am Tiefpunkt. Anja’s Grenze ist wieder mal überschritten. Wäre ja ein Wunder gewesen, wenn es dieses Mal unter der Grenze geblieben wäre. 😉 Trotzdem heißt es: Treten. Es gibt keine andere Möglichkeit. Hier zu biwakieren wäre schlimmer und kälter, als nochmal 500 Höhenmeter mit vollen Packtaschen nach oben Richtung Rotsohlalm zu pedalieren. Gesprochen wird ab jetzt nicht mehr.

Unsere Rettung: Die Bärentalalm

Endlich ein Lichtblick: Wir sehen wieder Sonnenstrahlen und eine große Almfläche tut sich vor uns auf. Wir sind erleichtert. Haken: Alle schönen Flächen zum Schlafen liegen innerhalb eines Weidezaunes, wo Kühe herumtraben. Ob es das Risiko gibt, ertrampelt zu werden, während man schläft, wissen wir nicht. Wollen es aber auch nicht wissen. Und kurbeln wieder weiter. Es ist bereits 19 Uhr. Nachdem noch ein kurzer Anstieg geschafft ist, beginnt die Abfahrt. Wir sind am höchsten Punkt, haben aus unserem Fehler gelernt und wissen, dass wir nun dringend einen Schlafplatz benötigen.

Anja sitzend auf ihrer Matte bei unserem Biwakplatz

Vor uns steht eine kleine Almhütte – die Bärentalalm. Eingezäunt. Sandro klopft an die Fenster und an die Tür. Scheint, (noch) niemand da zu sein. Auch die Tische und Bänke im Garten sind noch nicht aufgebaut. Wir beschließen, dass wir hier niemandem schaden oder etwas wegnehmen, wenn wir im Garten der Bärentalalm – direkt hinter der Hohen Veitsch – unser Biwak aufschlagen.

Anja und Sandro auf ihrem Biwakplatz in der Nähe von der Veitsch

Endlich da!

Die Stimmung bessert sich mit dem Beschluss, dass wir hier übernacht. Wir ziehen uns rasch um. Kurz sind wir ein bisschen ratlos, weil ohne Handynetz. Unsere Eltern müssen Bescheid wissen. Sie machen sich sonst Sorgen! Deshalb geht Sandro noch auf die Suche nach Netz. Wir kochen noch Dosenfutter, essen Gulasch, Laugenstangerl und Knabbernossi und kuscheln uns dann in unsere Schlafsäcke. Der erste Tag vom Abenteuer Mariazell 3.0 ist geschafft. Gute Nacht!

Sandro auf der Netzsuche

Sandro beim anziehen von Bundesheersocken

Sandro mit dem Campingkocher am kochen

Anja und Sandro auf ihrem Biwakplatz