Aus Mariazell 3.0 wird Mariazell 2.0

Die Nacht war gut und als der Tag beginnt wird aus Mariazell 3.0 das Abenteuer Mariazell 2.0. Aber von Anfang an…

Wie wir euch schon im ersten Beitrag zu unserem Abenteuer Mariazell 3.0 erzählt haben, haben wir einen Biwak-Platz direkt hinter einer kleinen, (noch) nicht bewohnten Almhütte gewählt. Anja hatte die größten Sorgen, dass es wieder eine schlaflose Nacht aufgrund der Kälte (wie damals am Hochlantsch bei Minusgraden) werden würde. Umso positiver stehen wir am Morgen auf, denn im Schlafsack war es die ganze Nacht über kuschelig warm. Überraschend viele Tiefschlafphasen begleiteten uns auf Biwacksack, Isomatte und im Schlafsack durch die Nacht.

Sandro beim zusammenpacken von seinem Schlafsack, Mariazell 2.0

Am Morgen dann die große Anziehorgie und der Versuch, sich die Radbekleidung überzustreifen ohne aus dem Schlafsack zu steigen. Es gelingt uns gut und wir haben trotz der fehlenden Sonne angenehm warm.

Anja beim anziehen im Morgengrauen, Mariazell 2.0

Während dem Frühstück (Porridge mit Wasser aufgegossen, Laugenstangerl mit Knabbernossi und heißes Peeroton) fällen wir – nach nochmaliger Durchsicht des Höhenprofils – den Entschluss: Wir möchten versuchen, bis zu Mittag mit dem Mountainbike in Mariazell zu sein, um nach dem Essen sofort auf das Rennrad zu wechseln und die gut 100 Kilometer noch am selben Tag abzuspulen. Grund dafür: Wir sind am Vortag weiter gekommen als gedacht und das Wetter am Samstag meldet richtig schlecht. Vorteil: Wir müssen mit dem Rennrad keine Packtaschen und keinen Rucksack mehr transportieren. Klingt soweit gut. Aus Mariazell 3.0 wird Mariazell 2.0.

Sandro beim Frühstück machen mit dem Campingkocher, Mariazell 2.0

Niederalpl und die Wanderwege

Nachdem wir wieder am Bike sitzen wird uns schnell klar: Wir können ein paar Schichten ablegen. An einer Abzweigung sind wir leicht irritiert: 50 Minuten bis zum Niederalpl – zu Fuß! Wir können es kaum glauben, doch nach ein paar Pedalumdrehungen stehen wir tatsächlich am Niederalpl. Wir freuen uns und stellen uns darauf ein, in 1-2 Stunden in Mariazell zu sein. Dort wissen wir noch nicht, welche Hürden uns noch erwarten würden.

Anja im Morgengrau in Richtung Niederalpl, Mariazell 2.0

Sandro am Niederalpl mit seinem Bike, Mariazell 2.0

Uns brennen die Beine, als wir in den ersten und letzten langen Anstieg am heutigen Mountainbike-Vormittag fahren. Die Packtaschen fühlen sich irgendwie noch schwerer an als gestern. Doch ganz in Ruhe – langsam und stetig – geht es bergauf. Bis wir plötzlich vor einer Tafel stehen, die nichts Gutes verheißt: Forstliches Sperrgebiet. Häufig kein Problem, da manchmal nur zu gewissen Zeiten gearbeitet wird – doch darunter prangt eine weitere Tafel: Sprengarbeiten. Sandro lässt sich kurz reizen und ist der Meinung, dass man einen neuen „Trick“ gefunden hat, um uns mit den Rädern aus den Wäldern fernzuhalten. Er möchte trotzdem fahren. Anja ist in dieser Hinsicht um einiges vorsichtiger. Außerdem hat sie das Auto und einen Traktor wahrgenommen, der kurz vor den Tafeln geparkt hat. Sie weigert sich, den Weg zu nehmen.

Sperrgebiet durch Holzarbeiten, Mariazell 2.0

Schieben, heben, verzweifeln

Es gibt nur eine Lösung: Ein schmaler, steiler Wanderweg mit Absätzen, Wurzeln und Kehren. 30 Minuten sagt das schlaue Täfelchen. Hilft nichts. Wir legen los unsere schweren Räder langsam nach oben zu schieben, zu heben und zu wuchten. Anja beginnt nach einer guten viertel Stunde zu zweifeln und blickt sehnsüchtig zur gegenüberliegenden Forststraße. Mariazell 2.0 ist knapp am Scheitern. Jedoch können wir jetzt nur noch die Flucht nach vorne antreten. Ein Rumpf- und Oberarmtraining, das seinesgleichen sucht begleitet unsere Zweifel, ob dies wohl die richtige Entscheidung war, bis wir es plötzlich einen gewaltigen Knall gibt. Gegenüber auf der Forststraße eine riesige Staubwolke. Unsere Zweifel werden im wahrsten Sinne des Wortes „weggesprengt“ und wir schieben – begleitet von einem weiteren Knall – weiter dahin. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir auf eine flache Wiese und entdecken vor uns die Hütte – Herrenboden – Alm. Juhu!

Anja schiebt ihr Bike in einen Wanderweg, jetzt geht es steil bergauf, Mariazell 2.0

Es sitzen bereits einige Gäste im Garten der Hütte und starren uns unvermittelt an. Wir können ihnen förmlich an den Augen ablesen, was sie denken: Was zum Teufel haben die beiden vor? 😀

Sandro am Herrenboden, Mariazell 2.0

Zum höchsten Punkt geht es hinter der Hütte nochmal auf einer Wiese bergauf. Eine riesige Herde Kühe (Mutterkuhhaltung) versuchen wir so gut wie möglich zu umgehen. Man weiß ja nie, was die Kühe von einem schiebenden Mountainbiker halten. Ein paar Männer mit Wohlstandsbäuchlein kommen uns entgegen und zeigen uns deutlich, was sie von uns und den Rädern halten: „Meine Herrschaften! Das ist nicht der richtige Weg! Auf einer Alm!“ Wieso nicht, fragen wir uns. Wir nehmen niemanden etwas weg. Sind niemals abseits der Wege unterwegs und  außerdem: Wieso dieser Herr meint, darüber entscheiden zu können, ist uns ein Rätsel . Wir hoffen allerdings, dass er seinen richtigen Weg findet.

Anja lachende mit dem Bike, Herrenboden Mariazell 2.0

Absicht und Ärgernis

Am höchsten Punkt angekommen, steht ein Wegweiser. Geradeaus nach Mariazell. Wieder ein Wanderweg. Unser gpx – dem wir bis auf wenige Kleinigkeiten den ganzen Weg über vertrauen konnten – zeigt nach rechts, wo zwei weitere Almen angeschrieben sind. Wir sind uns unsicher, doch in der Nähe steht eine weitere kleine Hütte, wo ein Herr heraußen sitzt.

Wegweiser Herrenboden, Mariazell 2.0

Wir beschließen ihn zu fragen. Das gpx zeigt direkt an seiner Hütte vorbei, doch dort scheint nur Wald zu sein. Wir fragen ihn, ob es hier eine Forststraße nach unten gibt. Der Herr wirkt ziemlich genervt, als Sandro ihm das gpx zeigt und er seinen Platz auf der Treppe vor der Hütte verlassen muss. „Nein, hier gibt es keinen Weg. Und passts auf, dass ihr nicht in einer Schlucht landet, mit eurem Gps!“ Vor der Hütte steht ein Quad und Sandro bleibt hartnäckig und fragt, wo denn er hergekommen sei. Das lässt den Herren kurz stutzen. „Vom Niederalpl!“, meint er dann. Uns kommt das alles komisch vor. Wir drehen jedoch um und nehmen den Wanderweg.

Wir verlieren viel Zeit und im Hinterkopf, machen wir uns schon ein bisschen Gedanken, ob das mit Mariazell 2.0 klappen wird. Denn wieder können wir einen Großteil nur schieben. Dieses Mal zumindest bergab. Manche Passagen können wir langsam und konzentriert fahren. Wir sind froh, dass wir unsere Räder einigermaßen beherrschen. Einige Wanderer werfen uns überraschte und schockierte Blicke zu. Eine Dame meint sogar, wo denn unsere Schutzausrüstung sei (Wohlgemerkt hatten wir sehr wohl einen Helm auf und Handschuhe an).

Herrenboden Mariazell 2.0

ENDLICH unten angekommen, mündet eine Forststraße direkt neben dem Wanderweg. Und was sagt der Wegweiser? Er zeigt genau die gleichen beiden Almen an, die auch in die Richtung der besagten Hütte mit Herrn angeschrieben waren. Kurz gesagt: Er hat uns (höchstwahrscheinlich) mit Absicht Lügen erzählt. Das ärgert uns eine Weile, doch wir glauben an Karma!

Und wir wissen auch, dass wir nun für all unsere (kleinen) Sünden gebüßt haben.

Mariazell 2.0 – wir sind da!!

Mit dem Mountainbike nach Mariazell: Es ist geschafft. Ein Ziel abgehakt. In der Kerzengrotte zünden wir eine Kerze an und bedanken uns, dass es uns und unseren Familien so gut geht und wir die Möglichkeit haben, so viel Schönes zu erleben.

Anja und Sandro vor der Basilika Mariazell 2.0

Nach dem Mittagessen verladen wir die Bikes und packen unsere Straßenräder aus (Danke an unseren Lieferservice ;).Ein langer Nachmittag steht uns noch bevor. Die ersten Pedaltritte auf dem leichten Rennrad – ohne Gepäck – fühlen sich herrlich an. Fast, als würde man fliegen.

Sandro mit dem Rennrad in Mariazell 2.0

Die Strecke fällt meist leicht. Es folgt der Lahnsattel, der aber relativ schnell überwunden ist. In Krieglach heben wir nochmals mit Cola, Wurstsemmel und Müsliriegel unseren Blutzuckerspiegel. Denn das Alpl baut sich nun vor uns auf. Anja hat Respekt, fühlt sich aber nach den ersten paar Höhenmetern wie Vincenzo Nibali auf dem Monte Zoncolan. Sandro wundert sich. Als ob es den Tag zuvor gar nicht gegeben hätte, tritt sie ein flottes Tempo nach oben, bis uns Peter Rosegger auf einer Tafel begrüßt. Wir wissen: Wenn jetzt nichts Unvorhergesehenes passiert, haben wir es geschafft.

Anja im Wiegetritt mit dem Rennrad auf das Alpl, Mariazell 2.0

Um 19:00 Uhr kommen wir glücklich und zufrieden in Anger an. Es war trotz der Verkürzung auf zwei Tage ein unvergessliches Abenteuer mit Höhen und kurzen Tiefen, an das wir noch lange zurückdenken werden. Mariazell 2.0: Es war uns ein Vergnügen.

Anja und Sandro erreichten das geplante Ziel Anger bei Weiz, Mariazell 2.0