Lugauer – am steirischen Matterhorn

„Steirisches Matterhorn“, so der Spitzname des Berges, den wir uns vergangenen Sonntag aussuchen. Der Lugauer soll es werden, der aufgrund seiner Pyramiden-Form diesen Beinamen erhalten hat. Da die Bergtour als sehr anspruchsvoll beschrieben wird und es nun doch recht früh dunkel wird, entscheiden wir uns schon am Vortag anzureisen. Davor sammeln wir aber noch ein paar flowige Kilometer auf den Wexl Trails in St. Corona. Der neue Uphill Trail lässt nun auch bergauf Freude aufkommen. Zudem wurde der Flow Trail verlängert. Große Steilkurven und (von uns noch recht zaghafte) Sprünge lassen den Samstag-Nachmittag schnell vergehen.

Ausgangspunkt in Radmer

Nachdem wir uns bei einem Supermarkt noch mit Lebensmitteln eingedeckt hatten, beginnt die VW-Bus-Fahrt zum Ausgangspunkt für die Besteigung des Lugauer. Da für uns nur die normale Besteigung (und keine Überschreitung) in Betracht kommt, parken wir in Radmer an der Hasel. Direkt beim heruntergekommenen Schloss Greifenberg auf 900 m steht die erste Beschilderung auf den Lugauer. Zugegeben: Direkt vor dem Schloss trauen wir uns nicht zu parken und zu schlafen. Und Anja schon gar nicht ihr Buch – einen Thriller – aufzuschlagen. Deshalb stehen wir etwas weiter unterhalb neben der Straße und stellen uns erst am „Bergtag“ vor das Schloss.

Lugauer 2017 basecampas, Anja am Wanderweg der vom Windbruch bereits befreit wurde

Über Stock und (G’spitzten) Stein Richtung Lugauer

Nach einer kühlen aber guten Nacht frühstücken wir bei eingeschalteter Standheizung im VW-Bus. Um ca. 6:30 Uhr stehen wir dann vor der ersten Beschilderung und folgen dieser an einigen Häusern vorbei hinein in den Wald. Da die Nacht Vollmond war und es ohnehin bereits ab 6 Uhr heller wird, benötigen wir nicht mal Stirnlampen, um uns zurechtzufinden. Schon beginnt ein steiler Steig. Viel Erholung – das wissen wir – wird es auf dieser Tour nicht geben. Einige gefällte Bäume machen das Weiterkommen kurz schwierig. Hier hatte wohl der Sturm gewütet. Nachdem wir aber eine Forststraße queren, geht es ohne Hindernisse aber mit einigen Höhenmetern dahin. Auf ca. 1400 Metern liegt dann das erste bisschen Schnee. An einer steilen Felswand angekommen, führt ein schmaler Pfad nach links entlang. Hier bloß nicht zu viel runterschauen und konzentriert und ohne viel Stehenbleiben (Steinschlag-Gefahr) weitergehen.

Lugauer 2017 basecampas, Anja maschiert durch Windbruch

Lugauer 2017 basecampas, Anja quert über einen schmalen Weg eine ausgesetzte Stelle

Wenige Höhenmeter später lichtet sich der Wald und wir stehen am G’spitzen Stein – Sattel (1556 m). Ein Wegweiser zeigt uns die Abstiegsmöglichkeit über den Neuburgsattel und die Neuburgalm an. Wir lassen uns die Option offen und genießen die ersten Blicke auf die Berglandschaft um uns herum. Ein erster Bergsteiger schließt zu uns auf. Beim Reden merkt man ihm an, dass er sichtlich unsicher ist, ob es heute ein Hinaufkommen gibt. Er befürchtet zu viel Schnee. Tatsächlich sollte er dann aber der erste am Gipfel an diesem Tag sein.

Lugauer 2017 basecampas, Sandro zwischen Stock und Stein

Lugauer 2017 basecampas, Anja und Sandro vor dem Lugauermassiv

Auf der einigermaßen flachen Wiese (Haselkar) machen wir uns auf den Weg in das nächste Waldstück. Hier geht es weniger steil zur Sache bis sich auch hier die Bäume lichten. Als wir geradeaus blicken, denken wir zuerst, es wären Baumstümpfe. Anja verflucht sich wieder einmal selbst, weil sie (noch) kein Fernglas besitzt. Den als wir dann direkt im SW-Hang – dem Lugauerplan – stehen, erkennen wir, dass uns gegenüber eine riesige Schar an Gämsen vergnügt in der Sonne frisst und springt. Da vergisst man fast, dass man auf den Gipfel wollte. Stundenlang könnten wir die Tiere beobachten. 😉

Lugauer 2017 basecampas, Sandro blickt in Richtung Gams Herde

Lugauer 2017 basecampas, Gams Herde

Auf Grödeln durch den Lugauerplan

Einiges an Schnee liegt nun vor uns. Wir stellen uns vor, hier im Winter mit Skiern runterzufahren. Sehr verlockend. Jetzt geht es aber erstmal bergauf. Und wir merken gleich: Schnell vorankommen ist was anderes. Hier überholt uns auch der zweite Mann, der den Gipfel erklimmen möchte. Sandro geht anschließend voran. Nach einiger Zeit ist für Anja aber klar: Die Sechszacker müssen raus aus dem Rucksack. Durch den Wind, der den Hang hinaufzieht, ist der Schnee an vielen Stellen fest gedrückt und das Gehen nur sehr unsicher und langsam möglich, da die Tritte sich nur wenig in den Schnee drücken. Sandro lässt sich überreden und siehe da: Plötzlich geht es um einiges schneller voran.

Lugauer 2017 basecampas, Anja bei ihren letzten Höhenmeter

Lugauer 2017 basecampas, Salewa Sechszacker auf Anja´s Schuhwerk

Sandro hält sich dann nach der Markierung – nicht nach den Abstiegsspuren, die geradeaus den Hang herunterführen. Und so erleben wir nach einem immer steiler werdenden Anstieg, einen wunderbar verschneiten Grat, bei dem der Schnee durch den Wind Richtung Tal hinunterhängt. Wir fühlen uns fast wie richtige Alpinisten. 😉

Lugauer 2017 basecampas, Anja und Sandro am Grat

Über Vorgipfel und Gipfelgrat auf den Lugauer

Ab hier wird es felsiger und ausgesetzter. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sowie Konzentriertheit sind hier oberstes Gebot! Anja auf allen Vieren, Sandro locker flockig mit Wanderstöcken, klettern wir aufwärts. Der erste Bergkollege kommt uns entgegen und meint: „Geht super heute. Ist nicht mehr weit!“ Wir freuen uns, hören aber unser eigenes Wort nur schwer wegen stärker werdendem Föhn, der uns um die Ohren bläst. Nach dem ersten Felsanstieg sehen wir bereits das Gipfelkreuz. Sieht wirklich nicht mehr weit aus!

Lugauer 2017 basecampas, Landschaftsbild mit Sandro und dahinter der Gipfel

Lugauer 2017 basecampas, Landschaftsbild mit Sandro und dahinter der Gipfel

Über einen Grat bewegen wir uns langsam vorwärts zum Vorgipfel (NO-Gipfel). Dort drehen wir uns einmal um die eigene Achse und saugen die wunderschönen Tiefblicke und das Panorama auf. Der zweite Bergsteiger kommt uns entgegen und ist ebenfalls sehr begeistert vom heutigen Tag. Wir wünschen ihm einen guten Abstieg und machen uns auf in den Gipfelgrat, der doch etwas luftig und ausgesetzt ist. Auch diesen meistern wir und stehen bei blauem Himmel, Sonnenschein und angenehmen Temperaturen am Gipfel des Lugauers (2217 m).

Lugauer 2017 basecampas, Gipfelkreuz

Vorsicht, Pinguin!

Zwar hat es ungefähr denselben Wind wie bei der Hochschwab-Tour, ist aber um einige Grade wärmer am Gipfel. Trotzdem entscheiden wir uns, die Jause erst nach den erledigten, schwierigen Passagen auszupacken. Gesagt, getan. Oberhalb des Lugauerplans sitzen wir auf kleinen Wiesenstücken, die aus dem Schnee hervorlugen und essen genüsslich unsere Wurstsemmeln. Was für ein Tag!

Lugauer 2017 basecampas, Sandro bei der Jause

Vor uns sehen wir die Abstiegsspuren durch den Schnee, die geradewegs nach unten führen. Wir freuen uns auf eine Rutschpartie, lassen unsere Sechszacker aber noch an den Schuhen. Anja beginnt zaghaft, Sandro meint: „Das ist wie Skifahren, juhuiiii“, rennt los und fliegt geradewegs in den Schnee. Die Stöcke bleiben liegen. Sandro allerdings rutscht am Bauch – wie ein Pinguin – den Hang hinab. Anja schüttelt nur den Kopf. Zum Glück schaut kein Fels aus dem Schnee heraus. Das wäre eine unsanfte Bremse gewesen. So aber kann sich Sandro im Rutschen drehen und findet wieder Halt mit den Grödeln an den Schuhen – denen er natürlich auch die Schuld an seinem Sturz gibt. 😉

Deshalb schnallen wir die Sechszacker nun ab und rutschen den restlichen Hang hinab. Dabei ersparen wir uns viele Höhenmeter Abstieg – ein Vorteil gegenüber dem Sommer.

Lugauer 2017 basecampas, Sandro auf einem Schneefeld

Ein empfehlenswerter Berg für Schwindelfreie

Nach dem Waldstück zurück beim G’spitzen Stein Sattel entscheiden wir uns für Abstieg wie Aufstieg und ersparen uns Gegenanstieg und langen Abstieg über Neuburgsattel und Neuburgalm. Schließlich wartet noch eine 2-stündige Heimfahrt mit dem Auto auf uns, die wir aber für einen so großartigen Bergtag gerne wieder in Kauf nehmen!